In unserer neuen Interview-Reihe JUNGE KUNST laden wir österreichische Kunst- und Kulturschaffende aus Wien, Graz, Salzburg oder Linz ein, mit uns über junge, zeitgenössische Kunst zu plaudern. Dabei geht es zukünftig sowohl um allgemeine aber auch spezielle Fragen, wie beispielsweise: Wo kann ich in meiner Stadt aufstrebende Künstler:innen entdecken oder wie kann ich mich über den zeitgenössischen Kunstmarkt informieren? Zudem berichten unsere Gäste über ihre persönlichen Erfahrungen, ihre Arbeit und Geschichten aus der Kunst- und Kulturszene. Zum Start dieser Reihe treffen wir die Wiener Kunsthistorikerin und Kulturmanagerin Paula Marschalek.


artvise: Liebe Paula, wie kann man junge zeitgenössische Kunst entdecken?

Paula: Auf der einen Seite bietet Social Media eine großartige Möglichkeit Kunst zu entdecken. Da es eine enorme Fülle an Kunst gibt, kann man sich hier einen guten Überblick verschaffen und stößt immer wieder auf Neues. Instagram bietet nicht nur Künstler*innen selbst eine Kommmunikations- und Netzwerkplattform, mittlerweile haben sich auch sogenannte Feature Accounts gebildet mit dem Ziel regelmäßig Künstler*innen und ihre Kunstwerke zu präsentieren. Einer meiner Lieblingsaccounts ist zum Beispiel yyyymmdd von Daniela Grabosch.
Wenn man junge Kunst entdecken möchte, empfehle ich einen Blick in die Ausbildungsstätten zu werfen und im Rahmen eines Rundgangs bzw. Tag der offenen Tür auf der Angewandten oder Akademie der bildenden Künste vorbeizuschauen und direkt in Kontakt mit jungen Künstler*innen zu treten. Im Rahmen der Tage der offenen Tür werden Ausstellungen von den jeweiligen Studiengängen konzipiert und vorgestellt. Die Möglichkeit mit aufstrebenden Künstler*innen zu sprechen, Hintergründe zu erfahren und Kunstwerke vor Ort und eben nicht nur über Social Media zu sehen, ist sehr wichtig. Weiters kann man so auch Verbindungen in der Szene knüpfen. In Wien gibt es auch abseits der großen Institutionen, viele zeitgenössischen Galerien, Off-Spaces und Independent Spaces, die auch dazu beitragen, neue oft noch nicht so bekannte Künstler*innen zu etablieren. 

artvise: Wie kann man sich aus Neuling Wissen über zeitgenössische Kunst und die Vorgänge im Kunstmarkt aufbauen?

Paula: Zum einen gibt es natürlich unzählige Bücher über Kunst und den Kunstmarkt. Diese sind jedoch oft spezifisch auf ein Thema zugeschnitten. Zum anderen kann man in Podcasts einhören, die nicht nur einführende Themen behandeln, sondern auch direkt mit Künstler*innen oder in der Brache Agierenden sprechen. Internationale Blogs wie das Frieze Magazine oder auch das österreichische Kunstmagazin PARNASS gibt Einblicke in den (inter)nationalen Kunstmarkt und versucht so Transparenz zu schaffen. Grundsätzlich ist hier Eigeninitiative gefragt, also direkt bei Kunstmessen, Auktionshäusern, Kunsthändlern und Galerien informieren und das Geschehen mitverfolgen. 

artvise: Worauf achtest du bei Kunstwerken?

Paula: Wenn ich eine Ausstellung besuche, steht zuerst das Kunstwerk im Vordergrund. Ich möchte von Kunst berührt, inspiriert und angesprochen werden. Kunst kann so viel auslösen, diese Prozesse beim Betrachten finde ich sehr spannend. Dennoch ist für mich die Person dahinter von großer Bedeutung, ihre Herangehensweise, ihre Ideen und Gedanken beim künstlerischen Schaffen.
Mir persönlich gefallen vor allem Installationen, Objekte und Malerei. Was mir wichtig ist, dass ein Reibungspunkt entsteht und eine Geschichte erzählt wird. Toll finde ich es auch, wenn das Publikum ihrer Phantasie freien Lauf lassen kann und eigene Assoziationen mitspielen. Auf weitere Ebene spielt die inhaltliche Auseinandersetzung eine wesentliche Rolle. Kunst kann als Kommunikationstool gesellschaftsrelevante Strukturen vermitteln, aufklären oder nachhaltig beeinflussen. Ich glaube wichtig ist, dass man eine schöne Erinnerung mit Kunst verbindet, beispielsweise habe ich mir in Los Angeles eine kleine Skulptur gekauft, die ich ästhetisch total ansprechend fand und wenn ich sie anschaue, dann verbinde ich eine aufregende Zeit und tolle Momente damit. Eine persönliche Verbindung ist daher bedeutend. 

artvise: Was war deine letzte Neuentdeckung?

Paula: Eine von den vielen Entdeckungen, die ich in letzter Zeit gemacht habe, ist auf jeden Fall Renata Darabant. Im Zuge einer Textanfrage, durfte ich die Künstlerin in ihrer Druckwerkstatt und Studio besuchen, kennenlernen und war sofort begeistert. Sie zeichnet sich durch ein unglaubliches Wissen im Bereich der Druckgrafik aus, ihre künstlerische Arbeit ist vielschichtig und in ihren neuen, farbenstarken, abstrakten Arbeiten, befreit von Motiven, wird hier die Motivation zum Protagonisten. Am 02.04. präsentiert sie diese Arbeiten in der Ausstellung „pansy purple and slow turtle green along the black cray of the riverbank“ im Viadukt, Gumpendorfer Straße 132, 1060 Wien. 

artvise: NFT´ s oder analoge Kunst?

Paula: Da für mich der haptische Charakter in der Kunst einen hohen Stellenwert innehat, die Sinneseindrücke einen wesentlichen Beitrag bei der Betrachtung eines Kunstwerks leisten, ganz klar reale und nicht digitale Welt. Würde daher die analoge der digitalen Kunst auf jeden Fall vorziehen.


Copyright: Jolly Schwarz

Paula Marschalek, BA MAS ist eine österreichische Kunsthistorikerin und Kulturmanagerin. Sie studierte Kunstgeschichte an der Universität Wien und setzt ihre Ausbildung an der Universität für angewandte Kunst fort, wo sie ihren Master in Kunst- und Kulturmanagement abschloss. Sie arbeitete in renommierte Kunstinstitutionen wie dem Dorotheum, dem Kunsthistorischen Museum und MAK, sammelte Erfahrungen am Kunstmarkt als Kommunikationsmanagerin bei der Galerie Rudolf Leeb und absolvierte von September 2019 bis März 2020 ein Kulturmanagement-Stipendium im MAK Center in Los Angeles, USA. 

Sie schreibt Texte für Kunstmagazine und tritt als Moderatorin/Speakerin auf. Mit Marschalek Art Management entwickelt sie individuell zugeschnittene Kommunikationsstrategien für Kunst- und Kulturschaffende. Weiters hat sie das Gesprächs- und Netzwerkformat JOMO mitbegründet sowie C/20-Verein für internationale kuratorische Praxis.

Im Moment kann man sie in der Gruppenausstellung „The Female Landscape: Rethinking the Body through the Photographic Image and Beyond” im VBKÖ (Maysedergasse 2/28, 4. Stock, 1010 Wien) besuchen (Öffnungszeiten: Mi-Fr, 14:00-19:00 | Sa, 12:00-18:00). Die Ausstellung thematisiert die Verbindung zwischen weiblichem Körper und Landschaft und spricht viele gesellschaftsrelevante Aspekte, wie Gleichstellung, Gender, weibliche Sexualität, Rolle der Frau* in der Gesellschaft sowie Postkolonialismus an.

Copyright: Jolly Schwarz

Weiterführende Links:
https://www.instagram.com/yyyymmdd_contemporary/
https://www.parnass.at/kunstmarkt
https://independentspaceindex.at
https://marschalek.art/
https://www.darabant.com/

Fotos: Jolly Schwarz

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