Wie der Künstler, so erzählt auch jedes Kunstwerk seine eigene Geschichte, wird erschaffen, ausgestellt, verkauft, getauscht, vererbt und wechselt so im Laufe der Zeit immer wieder Standort und Besitzer. Einfach ausgedrückt beschreibt die Provenienz eines Kunstwerkes dessen Besitz- und Eigentumsgeschichte, vom Tag seiner Entstehung bis zur Gegenwart. Konkret dokumentiert sie nicht nur jene Auktionshäuser, Händler oder Galerien, die das betreffende Kunstwerk einst verkauft haben, sondern auch die privaten oder institutionellen Sammlungen, in denen sich das Objekt bereits befand. Diese Informationen sind im Kunstmarkt von unschätzbarem Wert. Warum genau, das erfahren Sie im folgenden Beitrag.

Provenienz, Raubkunst und gestohlene Werke

Wie eingangs erwähnt, erzählt jedes Kunstwerk seine individuelle Geschichte. Nicht immer handelt diese von glanzvollen Sammlungen oder musealen Ausstellungen. Hin und wieder kommt es auch vor, dass Kunstwerke verloren gehen, geraubt werden oder das Wissen um ihre Geschichte und Herkunft schlicht in Vergessenheit gerät. Mitunter tauchen diese Arbeiten dann Jahrzehnte später wieder auf und stellen die Experten vor Fragen; Woher stammt das Werk ursprünglich? Wer waren die Vorbesitzer? Was waren die Umstände der letzten Verkäufe und bestehen womöglich Ansprüche Dritter auf das Bild?

Im Rahmen der Provenienzrecherche werden dann die Herkunft und die historischen Besitzverhältnisse eines Kunstwerks wissenschaftlich erforscht. So wird versucht, die historischen Eigentümerwechsel möglichst lückenlos zu dokumentieren und mehr über deren Umstände zu erfahren. Gerade bei Kunstwerken die vor 1945 entstanden sind, spielt die Provenienz eine wichtige Rolle, da während der Zeit des Nationalsozialismus hunderttausende Bilder geraubt, verfolgungsbedingt verkauft oder beschlagnahmt wurden.

Gustav Klimt, Rosen unter Bäumen (1905), public domain. Quelle Google Art Project via Wikimedia Commons

Erst im März 2021 wurde in Paris beschlossen, das 1905 von Gustav Klimt geschaffene Gemälde „Rosen unter Bäumen“ an seine rechtmäßigen Erben zurückzugeben. Ursprünglich gehörte das Bild dem österreichischen Kunstsammler Victor Zuckerkandl. Nach dessen Tod im Jahr 1927 erbte es seine Nichte Nora Stiasny. Unter dem Zwang der Nationalsozialisten war sie jedoch gezwungen, das Gemälde zu verkaufen. Sie selbst starb im Jahr 1942 im Vernichtungslager Belzec. Erst 1980 tauchte das Gemälde bei der Zürcher Galerie Peter Nathan wieder auf und wurde an das Pariser Musée d’Orsay verkauft, wo es sich seither befand und von dem es nun restituiert werden soll.

Dass die Aufarbeitung der NS-Raubkunst noch Jahrzehnte dauern wird, steht außer Frage. Nach aktuellen Schätzungen sind weltweit noch bis zu 10.000 Kunstwerke in öffentlichen und privaten Sammlungen verstreut, die noch nicht an ihre rechtmäßigen Eigentümer und deren Erben zurückgegeben wurden. Doch wie kommt es zu diesen Restitutionen?

Aufgrund der Verjährungsfrist von max. 30 Jahren in Deutschland, haben Klagen auf Herausgabe von Raubkunst in Deutschland meist nur wenig Aussicht auf Erfolg. Dennoch entscheiden sich öffentliche Institutionen zumeist für eine Restitution bzw. das Finden einer „gerechten und fairen Lösung“, gemeinsam mit den rechtmäßigen Eigentümern. Grundlage dafür ist in vielen Fällen die Washingtoner Erklärung. 

Washingtoner Erklärung

Bei der Washingtoner Erklärung handelt es sich um eine 1998 verabschiedete, rechtlich nicht bindende Übereinkunft zwischen den 44 unterzeichnenden Staaten, um Raubkunst aus der Zeit des Nationalsozialismus zu identifizieren, deren rechtmäßige Eigentümer oder Erben ausfindig zu machen und eine „gerechte und faire Lösung“ für die Rückgabe zu finden. 

Als Privatsammler muss man vor deutschen Gerichten i.d.R. keine Verurteilung auf Herausgabe fürchten. Praktisch jedoch ist der Verkauf entsprechender Kunstwerke jedoch nur schwer möglich. Gerade beim Wiederkauf von hochwertigen Kunstobjekten führt kaum ein Weg an Galerien oder Auktionshäusern vorbei. Diese wiederum können u.U. zur Herausgabe von Raubkunst verurteilt werden. 2018 entschied ein New Yorker Gericht, dass zwei Arbeiten von Egon Schiele an die rechtmäßigen Erben zurückzugeben sind. Drei Jahre zuvor wurden die Werke von einem Londoner Galeristen in New York ausgestellt und aufgrund eines richterlichen Beschlusses beschlagnahmt.

Ähnlich verhielt es sich 2016 bei einem Fall in Deutschland. Bei einem Münchner Auktionshaus wurde eine Gemälde der Florentiner Schule, aus dem letzten Viertel des 17. Jahrhunderts entdeckt und von der Staatsanwaltschaft beschlagnahmt. Das Gemälde wurde 1975 aus einer italienischen Privatsammlung gestohlen und tauchte 40 Jahre später wieder in München auf. Die italienischen Ermittler hatten die Münchner Staatsanwaltschaft informiert, die daraufhin reagierte und das Bildnis der Maria Magdalena konfiszierte. Nach mehrjährigen Verhandlungen wurde das Werk im Mai 2021 an die italienischen Behörden übergeben.

Doch wie lässt sich herausfinden, ob ein Kunstwerk gestohlen wurde oder es sich um NS-Raubkunst handelt? Zu diesem Zwecke gibt es verschiedene Datenbanken, die Bekanntesten sind die Lost Art-Datenbank in Deutschland sowie das Art Loss Register in Großbritannien.

Lost Art-Datenbank

Die Lost Art-Da­ten­bank wird vom Deut­schen Zen­trum Kul­tur­gut­ver­lus­te be­trie­ben. In ihr sind “Kul­tur­gü­ter erfasst, die in­fol­ge der na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Ge­walt­herr­schaft und der Er­eig­nis­se des Zwei­ten Welt­kriegs ver­bracht, ver­la­gert oder – ins­be­son­de­re ih­ren jü­di­schen Ei­gen­tü­mern – ver­fol­gungs­be­dingt ent­zo­gen wur­den.” Die Grundlage für die Lost Art-Datenbank sind die im Jahr 1998 ver­ab­schie­de­ten Wa­shing­to­ner Prin­zi­pi­en, zu de­ren Um­set­zung sich Deutsch­land be­kannt hat.

Art Loss Register

Das Art Loss Register ist der führende Anbieter von Due-Diligence-Prüfungen für den Kunstmarkt und unterhält mit rd. 700.000 Objekten die weltweit größte Datenbank für gestohlene Kunst, Antiquitäten und Sammlerstücke. Bevor viele Kunsthändler und Auktionshäuser die ihnen angebotenen Kunstwerke annehmen, prüfen sie vorab die Unbedenklichkeit des Werkes. Dazu wird eine kostenpflichtige Anfrage an das Art Loss Register gestellt, die entsprechend Auskunft und darüber informiert, ob ggf. Ansprüche Dritter auf das Werk vorliegen.

Mit der Eintragung in einer dieser Datenbanken gilt das betreffende Kunstwerk praktisch als unverkäuflich und verliert deutlich an Wert. Nähere Informationen zum Umgang mit Raubkunst in privaten und öffentlichen Sammlungen finden Sie u.a. bei SLB Kloepper Rechtsanwälte.

Provenienz als Möglichkeit zur Echtheitsbestimmung

Der Wert eines Kunstobjekts ist untrennbar mit dessen Echtheit und Authentizität verbunden. So entscheidet die Zuschreibung zu einem konkreten Künstler bzw. einer Künstlerin teilweise über Millionenwerte. Insbesondere bei historischen Objekten ist die Echtheit eines Werkes jedoch nicht immer so einfach feststellbar und tauchen regelmäßig Fälschungen auf dem Kunstmarkt auf. 

Provenienz ist ein Fakt, keine Vermutung“

Alan Bamberger (Kunstberater und Kunstsachverständiger).

Bedeutende Kunstwerke hinterlassen üblicherweise ihre Spuren. Liegt weder eine Eintragung im Werkverzeichnis noch ein vom Kunstmarkt anerkanntes Echtheitszertifikat vor, kann unter Umständen die Provenienz eines Werkes herangezogen werden, um zusätzliche Gewissheit über dessen Echtheit zu erlangen. Dieser Umstand bringt jedoch auch immer wieder Betrüger auf den Plan.

Erst vor wenigen Jahren sorgte ein Fall in Deutschland für aufsehen, bei dem der deutsche Künstler Wolfgang Beltracchi und seine Frau sich nicht nur damit begnügten, Gemälde zu fälschen, sondern sich auch die Hintergrundgeschichten zu den jeweiligen Werken überlegten. So verkleideten sie sich und inszenierten historische Fotos, fälschten alte Briefe und erfanden eine angebliche Gemäldesammlung des Kölner Unternehmers Werner Jägers, die aus ihren gefälschten Werken bestand. Über Jahre verkauften sie ihre Bilder über Auktionshäuser und Galerien und verdienten so mehrere Millionen Euro. Der Schwindel flog auf, als der Käufer eines millionenteuren Gemäldes von Heinrich Campendonk das Werk chemisch untersuchen ließ. Dabei wurde festgestellt, dass das Werk eine Farbe enthielt, dies es zur vermeintlichen Entstehungszeit des Gemäldes noch nicht gab.

Allein über die Provenienz bzw. die Dokumentation früher Eigentumsverhältnisse und -wechsel, lässt sich die Echtheit eines Kunstwerkes nur selten feststellen. Dennoch können entsprechende Besitznachweise dabei helfen, mögliche Zweifel zu beseitigt und weitere Hinweise auf die Authentizität eines Kunstwerkes zu liefern.

Egon Schiele Zeichnung mit Infos zur Provenienz auf der Rückseite
Rückseite einer Arbeit von Egon Schiele. Quelle: Galerie Wienerroither & Kohlbacher, Wien.

Wertsteigerung durch Provenienz 

Neben der Prüfung auf Unbedenklichkeit hinsichtlich historischer Eigentumsansprüche sowie zum Zwecke der Echtheitsbestimmung, kann die Provenienz auch den Wert eines Kunstwerkes beeinflussen. Kunstwerke, die aus namhaften Sammlungen stammen, sind für viele Sammlerinnen und Sammler von besonderem Interesse. So kann sich der Nachweis eines bekannten Vorbesitzers durchaus positiv auf den Wert von Kunst auswirken und diesen zusätzlich erhöhen.

Im 19. Jahrhundert sammelte der amerikanische Geldadel mit Medien, Stahl, Eisenbahnen und Öl einen schier märchenhaften Reichtum an. Henry Clay Frick, William Randolph Hearst, J.P. Morgan oder John D. Rockefeller waren jedoch nicht nur erfolgreiche Unternehmer, sie begeisterten sich auch leidenschaftlich für Kunst, insbesondere die Gemälde Alter Meister. Für Werke, die nicht nur von herausragender Qualität waren, sondern auch adligen Vorbesitzern gehörten, waren sie bereit, Rekordsummen zu zahlen und so die eigene Biographie mit jener von bekannten Königen, Dukes oder Marquis zu verbinden.

Auch heute spielt die Provenienz im Kunstmarkt eine wichtige Rolle. Vor wenigen erst wurde die Kunstsammlung der Familie Rockefeller in New York versteigert und erzielte einen Rekordpreis von mehr als 835 Millionen US-Dollar. Dieser übertraf die Erwartung bei Weitem. Experten erklären sich diese enorme Steigerung der Ergebnisse gegenüber den Schätzpreisen insbesondere mit der hohen Bekanntheit und dem besonderen Reiz, den der Name Rockefeller auf viele Sammler ausübt.

Foto von Mitchell Luo via Unsplash.com

Welche Quellen zur Recherche der Provenienz gibt es?

Es gibt zahlreiche Möglichkeiten, um die historischen Besitzverhältnisse eines Kunstwerkes zu ermitteln. Neben Quellen wie beispielsweise Händlerverzeichnissen, Sammlungsinventaren, Militärberichten, Gerichtsverfahren, Zeitungsartikeln und Museumskatalogen, können auch historische Verkaufsbelege, Fotografien oder Briefe nützlich sein, um mehr über die Provenienz eines Werkes zu erfahren. Leider kann es auch hier vorkommen, dass die historischen Unterlagen gefälscht werden. Es gilt also auch die Provenienzdokumentation genau zu überprüfen.

Fazit

Wie gezeigt, wird der Provenienz bzw. Herkunft eines Kunstwerkes aus unterschiedlichen Gründen eine hohe Bedeutung beigemessen. Über die sogenannte Provenienz ist es nicht nur möglich, Hinweise auf die Echtheit des Werkes zu erlangen, sie kann in bestimmten Fällen auch signifikant zur Wertsteigerung beitragen. Vor allem aber ist eine “unbedenkliche” Provenienz Voraussetzung, damit gerade hochwertige Kunstobjekte international gehandelt und ausgestellt werden können.

Interessieren Sie sich für ein historisches Gemälde oder eine Zeichnung, sollten Sie sich vor dem Kauf über dessen Provenienz informieren. So können Sie das Risiko minimieren, Opfer einer Fälschung zu werden oder möglicherweise ein zuvor gestohlenes Kunstwerk zu kaufen. Gerade bei hochwertigen Objekten, die vor 1945 entstanden, empfiehlt es sich, den Verkäufer bzgl. einem Auszug aus dem Art-Loss Register zu fragen.

Als Verkäufer sollte man vor dem Verkauf möglichst sämtliche Informationen zum Werk und dessen Besitzhistorie zusammenzutragen. Mit dieser Transparenz steigt das Vertrauen in das jeweilige Kunstobjekt und sind Interessenten teilweise sogar dazu bereit, für marktfrische Arbeiten mit einer „herausragenden Provenienz“ deutlich höhere Preise zu zahlen. Mitunter bieten Galerien, Auktionshäuser und unabhängige Experten daher auch ihre Hilfe bei der Provenienzforschung an und unterstützen beim anschließenden Verkauf.

Quellen:
https://axaxl.com/de/fast-fast-forward/articles/die-wichtigkeit-der-provenienz-fur-den-wert-von-kunst-und-sammlungsobjekten
https://axaxl.com/de/fast-fast-forward/articles/provenienz-ein-nutzliches-instrument-zur-risikominimierung-im-kunsthandel
https://www.slb-law.de/de/aktuelles/kunstrecht/raubkunst-restitution-anwalt.html
https://www.sn.at/kultur/allgemein/schiele-blaetter-aus-sammlung-gruenbaum-gehen-an-erben-73805092
https://de.wikipedia.org/wiki/Raubkunst
https://de.wikipedia.org/wiki/Washingtoner_Erklärung
https://de.wikipedia.org/wiki/Provenienz
https://de.wikipedia.org/wiki/Provenienzforschung
https://finexity.com/personal/discover/blog/provenienz-lueckenlose-datenketten-als-wertgarantie-im-kunstmarkt
https://kurier.at/kultur/frankreich-restituiert-rosen-unter-baeumen-von-gustav-klimt/401219178
https://www.derstandard.at/story/1277338571883/chronologie-der-fall-wally
https://www.sueddeutsche.de/muenchen/muenchen-kunstdiebstahl-auktion-1.5299484
https://www.barnebys.de/blog/es-gibt-experten-die-behaupten-der-kunstmarkt-wurde
https://www.kulturstiftung.de/jeder-fall-ist-anders/

Titelbild: Bianca Fazacas via Unsplash.com

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