Gemälde schätzen lassen

Es gibt zahlreiche Gründe, ein Gemälde schätzen und so dessen Qualität und Marktwert bestimmen zu lassen, sei es im Rahmen einer Erbschaft, zur Aktualisierung einer Versicherungspolice oder in Vorbereitung  der Leihgaben an ein Museum. Der häufigste Grund für die Schätzung von Kunstwerken ist jedoch ein bevorstehender Verkauf.

Wer kennt sie nicht, die Geschichten vom Dachbodenfund, der später für einen Rekordpreis verkauft wurde. Erst 2014 entdeckte man auf dem Dachboden einer alten Villa in Toulouse ein historisches Gemälde. Nach wissenschaftlicher Untersuchung stellte sich heraus, dass es sich bei diesem zunächst unscheinbaren Werk um eine lang verschollene Arbeit von Caravaggio handelte, deren Wert die Experten auf 100 bis 150 Millionen Euro schätzten und das 2019 diskret, im Rahmen eines Private Sales, verkauft wurde.

Doch wie kann man feststellen lassen, welchen Wert ein Kunstwerk hat? An wen können Sie sich wenden, wenn Sie ein Bild schätzen lassen möchten? Was kostet die Schätzung und welche Informationen werden dafür von Ihnen benötigt? Auf diese und weitere Fragen gehen wir im Folgenden näher ein.

Was ist eine Schätzung? Die Schätzung von Kunstwerken ist ein komplexer Prozess, bei dem versucht wird, eine möglichst genaue Prognose, für den aktuell am Markt zu erzielenden Verkaufspreis, zu treffen. In aller Regel orientiert sich diese Prognose, die auch als Taxe bezeichnet wird, an historischen Vergleichspreisen. Sie berücksichtigt aber auch weitere Faktoren, wie beispielsweise die aktuelle Wirtschaftslage oder grundlegende Entwicklungen im Kunstmarkt. Zumeist wird die Schätzung in Form einer Preisspanne, mit einem oberen und einem unteren Schätzpreis, angegeben.

Wo können Sie Kunstwerke schätzen lassen?

Es gibt zahlreiche Akteure im Kunstmarkt, bei denen Sie ihre Bilder und Gemälde schätzen lassen können. Neben Gutachtern, Kunsthändlern und Auktionshäusern bieten auch spezielle Online-Plattformen sowie unabhängige Kunst Makler diesen Service an. Eine Liste mit ausgewählten Adressen von Spezialisten finden Sie weiter unten.

Was kostet die Schätzung?

Kunstsachverständige und Gutachter bieten unabhängige, meist jedoch kostenpflichtige Schätzungen an. Die Preise dafür bewegen sich in der Regel zwischen €30 und €300 pro Werk. Bei außergewöhnlichen Objekten oder sehr aufwendigen Recherchen können die Kosten aber auch deutlich davon abweichen und entsprechend höher liegen.

Welche Faktoren bestimmen den Wert eines Gemäldes?

Anders als beispielswiese der Bodenrichtwert bei Immobilien, gibt es für Kunstwerke keine objektiven Vergleichsgrößen, die zur Ermittlung des aktuellen Marktwertes herangezogen werden können. Stattdessen werden bei der Schätzung von Gemälden, Zeichnungen, Aquarellen oder auch Druckgrafiken eine Reihe von „harten“ aber „weichen“ Faktoren näher beleuchtet. Eine detaillierte Übersicht, welche Faktoren den Preis von Kunstwerken beeinflussen, finden Sie hier. Zu den wichtigsten Kriterien zählen:

  • der Künstler bzw. die Künstlerin,
  • Motiv und Datierung des Werkes,
  • Technik und Maße,
  • Provenienz und Ausstellungsgeschichte,
  • der Zustand des Kunstwerkes sowie
  • die aktuelle Angebots- und Nachfragesituation.

Anhand dieser Informationen ist es den Experten möglich, den derzeit am Markt erzielbaren Verkaufspreis zu schätzen. Die Gewichtung der einzelnen Faktoren liegt jedoch im Ermessen des jeweiligen Experten, was häufig zu hohen Bewertungsunterschieden führt (siehe unten).

Hohe Bewertungsunterschiede bei Kunst

Wenn Sie den Verkauf Ihrer Kunstwerke in Erwägung ziehen, sollten Sie bedenken, dass nicht alle Anbieter über die gleichen Marktkenntnisse oder Kontakte zu potenziellen Käufern und Sammlern verfügen. Zudem hängt die Bewertung eines Kunstwerks stark vom persönlichen Urteil des jeweiligen Experten ab, wie oben bereits erwähnt. Dass die Ergebnisse der Schätzungen oft deutlich auseinandergehen, zeigt unsere Recherche:

Wie unsere Erfahrung zeigt, sind solche gravierenden Unterschiede keine Ausnahmen sondern im Kunstmarkt die Regel.

Aufgrund dieser hohen Bewertungsunterschiede lautet unsere Empfehlung, unbedingt mehrere Schätzungen einzuholen und diese zu vergleichen. Abhängig vom jeweiligen Künstler sollte man u.U. auch Anbieter aus dem Ausland kontaktieren, d.h. Auktionshäuser wie auch Kunsthändler und Galerien, die bereits erfolgreich mit Werken des jeweiligen Künstlers gehandelt haben.

Haften die Experten für Fehleinschätzungen?

Wie zuvor erwähnt, ist die Schätzung des Marktpreises von einer Reihe „harter“ und „weicher“ Faktoren abhängig. Der Begriff „Schätzung“ lässt bereits erkennen, dass es sich lediglich um eine fundierte Vermutung bzw. eine Prognose des möglichen Verkaufsergebnisses handelt, die auf einer Reihe von Annahmen beruht.

Da es im Kunstmarkt häufig an objektiven Vergleichswerten mangelt, die zur Bestimmung des Marktwertes herangezogen werden können, ist die Schätzung naturgemäß eine Ermessensfrage und sind hohe Bewertungsunterschiede bei Kunstwerken die Regel. Zwar werden die Schätzungen von Auktionshäusern und Galerien nach bestem Wissen und Gewissen erstellt, sie sind jedoch weder Expertisen noch Garantien und haben damit keinerlei juristischen Wert. Selbst gerichtlich bestellte Gutachter haften i.d.R. nur dann, wenn sie grob fahrlässig oder vorsätzlich gehandelt haben.

Wir haben die Ergebnisse mehrere Kunstauktionen in Deutschland und Österreich analysiert und dabei untersucht, wie das Verhältnis zwischen Schätzung und Zuschlagspreis in der Praxis aussieht.

Tatsächlich wurde nur etwa jedes Dritte Los (35,6%) innerhalb seiner ursprünglichen Schätzung zugeschlagen. 24,7% der Werke konnten ihren geschätzten Marktwert übertreffen, wohingegen 39,7% der versteigerten Kunstwerke unterhalb ihres Schätzpreises zugeschlagen wurden oder gar durch die Auktion fielen. Das bedeutet, dass viele der Schätzungen zu hoch angesetzt und falsche Annahmen getroffen wurden. Erfahrene Verkäufer verlassen sich daher nicht ausschließlich auf die Schätzung ihrer Kunstwerke, sondern informieren sich im Vorfeld des Verkaufs auch über die historischen Verkaufserfolge der jeweiligen Häuser. Weitere Informationen zum Thema Kunstverkauf finden Sie z.B. hier: Die 6 häufigsten Fehler beim Kunstverkauf.

Kann man Kunstwerke kostenlos schätzen lassen?

Ja, es gibt mehrere Wege, Gemälde kostenfrei schätzen zu lassen. So bieten viele kommerzielle Anbieter wie Auktionshäuser, Kunsthändler, Galerien aber auch Online Plattformen einen kostenlosen Schätzservice für Kunstwerke. Dieser Service stellt eine wichtige Maßnahme dar, um neue Kunstwerke für den Verkauf bzw. die nächste Versteigerung zu akquirieren.

Neben diesen kommerziellen Marktteilnehmern, gibt es auch einige Museen, bei denen Sie Ihre Kunstobjekte kostenlos schätzen können. Zu speziellen Kunstsprechstunden haben Sie die Möglichkeit, Ihre Gemälde, Zeichnungen, historische Fotografien aber auch Schmuck und Kunsthandwerk kostenfrei den Expertinnen und Experten vorzulegen.

Welche Möglichkeiten zur Schätzung haben Sie?

  • Persönliche Vorlage
    Um den Wert eines Gemäldes ermitteln zu lassen, bringt man es üblicherweise direkt zu einem der oben genannten Anbieter. Dieser untersucht das Kunstwerk vor Ort im Detail, recherchiert ggf. in Werkverzeichnissen und Ausstellungskatalogen. Anschließend erstellt er die entsprechende Schätzung für Ihr Kunstwerk. Es empfiehlt sich in jedem Fall, vorab einen Termin auszumachen, an dem Sie Ihr Kunstwerk vorlegen können.
  • Online Schätzung
    Die Möglichkeit, Gemälde online bewerten zu lassen, hat in den vergangen Jahren deutlich an Akzeptanz gewonnen. Immer mehr Sammler und Erben nutzen diesen Weg, um schnell und bequem den Marktwert ihrer Bilder ermitteln zu lassen. Portale wie z.B. Arcus.art oder Kunstberatungen wie artmakler.com bieten den großen Vorteil, dass sie selbst keine eigenen Schätzungen vornehmen. Stattdessen erhalten Verkäufer einen neutralen Überblick mit Bewertungen mehrerer Auktionshäuser und Galerien und können diese bequem vergleichen.
  • Expertensprechstunde aufsuchen
    Einige Auktionshäuser, Kunsthändler und Museen bieten auch spezielle Expertensprechstunden, zu denen Sie Ihr Bild oder die Skulptur direkt einem Spezialisten vorlegen können. Üblicherweise meldet man sich im Vorfeld online zum Termin an und übermittelt dabei bereits die ersten Informationen zu seinem Kunstwerk. Während der Sprechstunde untersucht der Experte bzw. die Expertin Ihr Werk und Sie erhalten anschließend eine Taxe.
Screenshot von arcus.art

Welche Informationen werden für die Schätzung benötigt?

Zur Bewertung ist es wichtig, so viele Inforationen anzugeben wie möglich. Je mehr über das Kunstwerk bekannt ist, umso genauer kann eine Schätzung des aktuellen Marktwertes vorgenommen werden. Zu den wichtigsten Informationen zählen:

  • Name des Künstlers bzw. der Künstlerin
  • Datierung des Werkes
  • Technik soweit bekannt
  • Maße des Gemäldes (gerahmt und ungerahmt)
  • Foto der Vor- und Rückseite des Gemäldes

Weitere Angaben, die bei der Schätzung von Gemälden, Zeichnungen aber auch Skulpturen behilflich sein können, sind:

  • Vorhandensein von Signatur, Datierung oder einer Widmung
  • Aufkleber, Notizen etc. von Galerien oder Museen
  • Fotos von möglichen Beschädigungen
  • Angaben zu Vorbesitzern des Kunstwerkes, Stichwort Provenienz
  • Angaben zu Echtheitszertifikat, Werkverzeichnis oder Ausstellungskatalogen

Anhand dieser Angaben kann bereits eine erste Wertermittlung stattfinden.

Besonderheiten bei der Schätzung von Kunstsammlungen

Jede Kunstsammlung erzählt ihre eigene, individuelle Entstehungsgeschichte. So einzigartig wie diese Geschichte ist häufig auch die Herangehensweise bei der Schätzung. Zunächst einmal gilt es den Bestand zu sichten und zu dokumentieren. Damit soll unter anderem geklärt werden, welche Werke die Sammlung umfasst, wo sich diese befinden und welche Unterlagen zu den einzelnen Objekten vorliegen. Nach dieser ersten Bestandsaufnahme muss entschieden werden, ob Teile der Sammlung von unterschiedlichen Spezialisten geschätzt werden sollen oder ein Anbieter die komplette Wertermittlung übernimmt.

Im Gegensatz zur Schätzung einzelner Werke, führt bei der Bewertung von Kunstsammlungen kaum ein Weg am persönlichen Kontakt mit den Experten vorbei. Gerade bei umfangreichen Sammlungen ist es üblich, dass ein Spezialist zu Ihnen kommt, die Kunstwerke persönlich in Augenschein nimmt und die nötigen Daten vor Ort erfasst. Basierend darauf können dann Recherchen erstellt und die entsprechenden Schätzdossiers erarbeitet werden.

Foto: Dan-Marian-Stefan Doroghi via Unsplash

Wie lange dauert es, ein Kunstwerk zu schätzen?

Tatsächlich ist die Dauer, um ein Gemälde schätzen zu lassen, von Anbieter zu Anbieter verschieden. Sie hängt insbesondere von den zur Verfügung gestellten Informationen sowie dem Umfang der notwendigen Recherchen ab. Im Idealfall erhalten Sie innerhalb von 1-2 Werktagen eine Rückmeldung mit Wertangabe. Im Falle von Urlauben, Feiertagen sowie im Vorfeld kommender Auktionen, kann es aber auch mehrere Wochen dauern, bis man eine Auskunft zum aktuellen Marktwert erhält.

Viele Auktionshäuser verzichten inzwischen sogar zur Gänze darauf, Kunden eine Rückmeldung zu geben, sollten das betreffende Werk nicht für die Versteigerung im eigenen Hause geeignet sein.

Adressen und Ansprechpartner in Deutschland, Österreich und der Schweiz

Abschließend haben wir noch einige Adressen für Sie zusammengestellt, bei denen Sie Ihre Bilder schätzen lassen können.

Arcus (Einholung von Schätzungen online)https://arcus.art
artmakler (Kunstberatung und online Schätzung)https://www.artmakler.com
Bundesverband d. Kunstsachverständigen e.V. https://www.bv-kunstsachverstaendiger.de/
Bundesverband dt. Galerien & Kunsthändler e.V. https://www.bvdg.de/galerien
Gerichtssachverständigenverband Österreichhttps://www.gerichts-sv.at/
Kunstforum Ostdeutsche Galerie Regensburghttps://www.kunstforum.net
LVR-Landesmuseum Bonnhttps://landesmuseum-bonn.lvr.de
Museum der Dinge (Berlin)https://www.museumderdinge.de
Schweizerisches Institut für Kunstwissenschafthttps://www.sik-isea.ch

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Quellen
https://www.welt.de/kultur/kunst-und-architektur/article196301381/Auktion-abgesagt-Milliardaer-erwirbt-Caravaggio.html
https://news.artnet.com/market/60-million-jean-michel-basquiat-sothebys-929840

Foto: Falco Negenman on Unsplash

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