Marktfrische von Kunstwerken - Titelbild

Bei der Marktfrische handelt es sich um einen magischen Begriff des Kunstmarktes, der viele Sammler in seinen Bann zieht und häufig Rekordpreise verspricht. Jedoch hat Marktfrische auch eine andere, weniger glanzvolle Seite, die mit Wertverlust und Kunstfälschung verbunden ist. Im Folgenden möchte ich etwas näher auf die Bedeutung des Begriffes für den Kunstmarkt eingehen und dabei einige besondere Aspekte herausgreifen.

Inhalt

Was bedeutet Marktfrische bei Kunstwerken?

Neben Provenienz und Ausstellungsgeschichte zählt die Marktfrische zu den wenigen Eigenschaften eines Kunstwerkes, die dazu in der Lage sind, dessen Marktwert zu erhöhen. In seinem Kern bezieht sich der Begriff auf Werke, welche für Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte nicht in der Öffentlichkeit standen und nun erstmals „frisch“ auf dem Kunstmarkt angeboten werden. Marktfrische hat also eine zeitliche Komponente und betrifft daher insbesondere Spitzenwerke alter Meister, des Impressionismus oder der Klassischen Moderne. Aber auch im Markt für zeitgenössische Kunst wird die Marktfrische zunehmend geschätzt. Von der Marktfrische abzugrenzen ist hingegen die Atelierfrische, die sich auf Kunstwerke des Primärmarktes bezieht, die direkt aus dem Atelier oder der Galerie des Künstlers stammen und erstmals zum Kauf angeboten werden.

Warum ist Marktfrische von Bedeutung?

Je länger ein bedeutendes Werk nicht in Ausstellungen, in Auktionen oder auf Messeständen zu sehen war, desto größer ist die Begierde potenzieller Käufer. Jedoch trifft das Gegenteil ebenso zu und verlieren Werke ihren Reiz, die bereits häufig am Markt zu angeboten wurden.

Marktfrische und die Aura des Geheimnisvollen

Kunst zu sammeln ist mehr als nur eine Leidenschaft. Für viele Sammler stellt der Kunstkauf eine lustvolle Jagd nach einzigartigen und außergewöhnlichen Objekten dar. Gesucht werden Kunstwerke, die nicht nur von herausragender Qualität sind, sondern auch über eine faszinierende Vergangenheit aufweisen. Besonders bei Liebhabern gefragt sind dabei jene Arbeiten, die bisher nur im Privaten und unter Ausschluss der Öffentlichkeit ihre Bewunderung fanden. Kaum ein Sammler interessiert sich hingegen für ein Bild, das bereits vergeblich zum Verkauf stand oder häufig den Besitzer gewechselt hat. Befand sich das Werk hingegen über lange Jahre in einer namhaften Privatsammlung und steht nun „frisch“ zum Verkauf, so umgibt es eine geheimnisvolle Aura des Besonderen, was sich zumeist in einer höheren Zahlungsbereitschaft ausdrückt.

Marktfrische und gestiegene Markttransparenz

Die Markfrische von Kunstwerken ist heutzutage relevanter denn ja. Einerseits giert der Markt nach unverbrauchten Objekten, andererseits hat sich die Transparenz des Kunstmarktes mit der Einführung der Auktionsdatenbanken deutlich erhöht. Seit Mitte der 1980er Jahren erfassen Anbieter wie artrpcie.com oder artnet.com systematisch die Ergebnisse von tausenden Kunstauktionen weltweit und veröffentlichen diese im Internet. Egal ob Gemälde, Papierarbeit, Skulptur oder Fotografie, jeder Auktionsrekord aber auch jeder Misserfolg wird genauestens dokumentiert und bleibt damit im digitalen Gedächtnis der Öffentlichkeit erhalten. Die Folge ist, dass das Angebot an wirklich marktfrischen Werken immer weiter zurückgeht und damit das Prädikat „Marktfrisch“ für Sammler an Bedeutung gewinnt.

Gefahr des Wertverlustes

Dennoch kommt es immer wieder vor, dass selbst marktfrische Kunstwerke auf Auktion durchfallen. Die Konsequenzen wiegen in diesem Falle schwer. Wie die Statistik zeigt, erhält etwa jedes dritte Kunstwerk in der Auktion keinen Zuschlag – Zeichnungen ebenso wie Gemälde, Arbeiten unbekannter wie auch Meisterwerke bekannter Künstler. Mit der Dokumentation und Veröffentlichung des Misserfolges entsteht der Eindruck, dass mit dem Werk etwas nicht in Ordnung sei. Dieser Umstand führt in der Regel zu einem deutlichen Wertverlust. Entsprechende Werke gelten weithin auch als „verbrannt“ und können nur mit einem deutlichen Preisabschlag erneut auf dem Kunstmarkt platziert werden.

Einer der größten und bedeutendsten Misserfolge der jüngsten Auktionsgeschichte ist das Gemälde „Study of Red Pope 1962. 2nd Version 1971“ von Francis Bacon. 2017 kam das auf 60 bis 80 Millionen britischen Pfund geschätzte Kunstwerk, welches sich zuvor über 40 Jahre in einer Privatsammlung befand, marktfrisch bei Christie’s in London zur Versteigerung. Trotz umfangreicher Marketingbemühungen erhielt das Hauptwerk der groß inszenierten Abendauktion jedoch keinen Zuschlag und wurde nicht verkauft.

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Kann ein Werk seine Marktfrische zurückerlangen?

Die gute Nachricht ist, dass selbst ein „verbranntes“ Kunstwerk mit der Zeit einen Großteil seiner Marktfrische und damit auch seines Wertes zurückerlangen kann. Die Meinungen zum Zeitraum, die es dafür dem Markt entzogen werden sollte, gehen jedoch deutlich auseinander. Während einige Experten von drei bis fünf Jahren ausgehen, sprechen Andere bei außergewöhnlichen Spitzenwerken von mindestens 15 Jahren.

Marktfrische im Kunsthandel

Auch Kunsthändler interessieren sich für marktfrische Arbeiten, die sie ihren wichtigsten Kunden exklusiv über Private Sales oder im Rahmen von Ausstellung und Kunstmessen anbieten. Dazu kaufen sie entweder Werke direkt an oder übernehmen diese in Kommission.

Im Falle der Kommission erteilt der Verkäufer dem Händler einen Verkaufsauftrag, womit dieser als Vermittler tätig wird. Entscheidend ist dabei, einen seriösen Händler mit dem Verkauf zu betrauen. Dieser verfügt nicht nur über die nötige Künstlerexpertise und Markterfahrung, sondern auch die Kontakte zu kaufinteressierten Sammlungen. Unseriöse Anbieter hingegen locken Verkäufer mit großen Versprechen und bieten das Werk ihrerseits mit einem Aufschlag weiteren Kollegen an. Dadurch macht das Kunstwerk die Runde, wird zahlreichen Marktteilnehmern angeboten und verliert für viele Sammler seinen Reiz. Als Verkäufer sollte man sich daher nur an einen spezialisierten Händler wenden, der das Kunstwerk diskret ausgewählten Kontakten vorstellt und so Marktfrische und Marktwert des Bildes schützt.

Sorgfalt beim Kauf „marktfrischer“ Kunst

Es gibt jedoch noch einen weiteren Aspekt der Marktfrische, der in den letzten Jahren für Schlagzeilen sorgte und besonders kaufinteressierte Sammler betrifft. Die zuvor hohe Nachfrage nach marktfrischer Kunst treibt leider auch negative Blüten und ruft immer wieder Betrüger auf den Plan, die Kunstwerke samt Provenienz und Ausstellungshistorie fälschen. So berichteten Medien im Jahr 2010 von einem internationalen Fälschungsskandal, bei dem u.a. Kunstwerke von Heinrich Campendonk, Max Ernst, Max Pechstein oder Fernand Leger erfolgreich über Auktionshäuser in Köln und London versteigert wurden. Nach der Auktion stellten die vom Käufer beauftragten Experten jedoch fest, dass es sich um Fälschungen handelte und die Sammlung Werner Jäger, aus der die Werke stammten, frei erfunden war. Der ganze Schwindel flog auf und beschäftigte fortan die Gerichte. Für Käufer bedeutet die Bezeichnung „marktfrisch“ daher auch, dass beim Erwerb entsprechender Kunstwerke eine besondere Sorgfalt geboten ist und eine detaillierte Prüfung des Werkes und seiner Besitzhistorie erfolgen sollte.

Fazit


Wie gezeigt wurde, führt die gestiegene Transparenz des Kunstmarktes dazu, dass die Zahl an marktfrischen Kunstwerken kontinuierlich sinkt und gleichzeitig die Bedeutung dieser Eigenschaft in den letzten Jahren stetig gestiegen ist. Sammler suchen heut gezielt nach Werken die frisch auf den Markt kommen und sind für diese bereit, Höchstpreise zu zahlen.

Mit der gestiegenen Markttransparenz haben sich jedoch auch die Risiken für den Verkäufer erhöht. Falsch am Markt platziert verliert das Kunstwerk nicht nur seine Marktfrische sondern auch deutlich an Wert und bleibt u.U. für Jahre unverkäuflich. Gerade als Verkäufer eines hochwertigen Kunstobjektes sollte man daher sorgfältig die Vor- und Nachteile der unterschiedlichen Verkaufskanäle (öffentlich vs. diskret, Auktion vs. Handel) abwägen, um nicht nur die Marktfrische sondern ebenso den Wert des Kunstwerkes schützt.

Zudem wurde gezeigt, dass die geringe Verfügbarkeit an hochwertigen, marktfrischen Objekten auch immer wieder unseriöse Anbieter auf den Plan ruft. Wer als Käufer lange Freude an seinem Werk haben und bei einem späteren Verkauf keine Überraschung erleben möchte, der sollte bereits beim Erwerb auf Gutachten anerkannter Experten, eine sorgfältig dokumentierte Provenienz sowie die Haftungshinweise im Kaufvertrag achten.

Quellen

Bandle, A. L. (2016): The Sale of Misattributed Artworks and Antiques at Auction. Edward Elgar Publishing Ltd., Cheltenham.
Boll, D. (2014): Distributionssystem und Ereignis: Die Auktion auf dem internationalen Kunstmarkt. In: Hausmann, A. (Hrsg.): Handbuch Kunstmarkt. Akteure, Management und Vermittlung. transcript Verlag, Bielefeld.
Dempster, A. M. (2014): Risk and Uncertainty in the Art World. Bloomsbury Publishing Plc, London.
Ganteführer, F. (2014): Kunst und Steuern. In: Hausmann, A. (Hrsg.): Handbuch Kunstmarkt. Akteure, Management und Vermittlung. transcript Verlag, Bielefeld, S. 361-380.
Gonzales, T.; Weis, R. (2000): Kunst-Investment. Die Kunst mit Kunst Geld zu verdienen. Gabler, Wiesbaden.
Satchell, S. (2009): Collectible Investments for the High Net Worth Investor. Elsevier Inc., London.

https://www.tagesspiegel.de/kultur/kunstfaelschungen-verraten-und-verkauft/1936214.html
https://www.zeit.de/2010/37/Kunstmarkt-Faelschung
https://www.deutschlandfunk.de/die-haessliche-seite-des-kunst-geschaefts.862.de.html?dram:article_id=123824
https://arttactic.com/editorial/28323/
https://de.wikipedia.org/wiki/Sammlung_Werner_J%C3%A4gers
https://www.sueddeutsche.de/kultur/kunstfaelscherskandal-helene-singt-1.1153232

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